Mittwoch, 18. Januar 2012

5 Tage Eintauchen in eine andere Welt

2 Mädchen, morgens um halb sieben, in einem klappernden Bus, der sich durch die zwischen Mangalore und Chikmagalur liegenden Ghats bewegt. Ein Schlagloch nach dem anderen lassen wir hinter uns, am Rande der Straße tummeln sich kleine Äffchen die auf den Abfall der Reisenden warten. Mitten in den Bergen stoppt der Bus, ein kleiner Tempel befindet sich hier und durch den Bus spaziert ein Swami, der Tempelpunkte für die Reisenden verteilt.

Nach 7 Stunden im Bus erreichen wir Tarikere. Eine kleine Stadt, die so ganz anders aussieht als Mangalore. Auf der Hautstraße bewegen sich Ochsenkarren, Wildschweine stöbern nach Müll und Kühe überqueren gemütlich die Straße. Eine richtige indische Kleinstadt eben J

Das Hostel der NGO VIKASANA in dem Anna & Johanna mit 43 Kindern leben, befindet sich 12 km außerhalb Tarikeres, völlig freistehend. Im Garten werden eigene Papaya-,Mango-,und Chikkubäume angepflanzt und die Kinder haben endlos viel Platz zum Spielen.

Es ist so herrlich ruhig dort auf dem Land, die Luft ist frisch und wir genießen es, Urlaub von der Großstadt zu haben.

Der Kopf will vergleichen

Im Hostel teilen sich jeweils ca. 6 Kinder ein Zimmer, auch die Bäder werden nur von einer begrenzten Zahl Kinder benutzt. Es gibt einzelne Räume zum Lernen, zum Spielen und zum Essen. Hinter dem Hostel befindet sich eine große Küche und unter dem nebenstehenden Baum grasen Kühe.

Lea (233) jo (625)

paradiesisches Hostel-Leben                       auf dem Dach, mit Bergpanorama :-)

Für uns ist es im ersten Moment unbegreiflich das alles zu sehen. Verglichen mit dem was unsere Kinder haben, ist hier das Paradies auf Erden. In Mangalore teilen sich 50 Menschen 4 Räume, in denen gelebt, gelernt, gegessen und geschlafen wird. An Betten ist nicht zu denken, auch weil Hilda, unsere Direktorin, meint, mit je mehr die Kinder aufwachsen, umso schwerer wird es ihnen fallen, später mit wenig auszukommen.

Aber die Kinder hier in Chatanahalli wirken freier als die unseren. Kreativer und irgendwie gelöster. Sie haben Raum um sich zurück zu ziehen, Natur, Haustiere und ein Miteinander, dass wirkt als seien sie eine große Familie.

Die Wände sind voll mit Fotos von Ausflügen, sogenannten „Exposure-visits“ nach Mysor, Hampi oder Belur, bei denen die Kinder die Möglichkeit erhalten mehr über die Kultur ihres Landes zu lernen.

Für uns ist immer der Vergleich mit unseren Mädchen in unserem Kopf und wir fragen uns, woran es liegt, dass die Kinder hier so viel besser leben, als es im Children’s Home in Mangalore der Fall ist.

Es mag daran liegen, dass Prajna unendlich viele Projekte unterhält, so vielschichtig ist, dass die einzelnen Projekte manchmal ein bisschen leiden. Natürlich geht es den Menschen besser, als wenn sie auf der Straße leben müssten, aber zu sehen, was in anderen Projekten möglich ist, lässt uns doch ein wenig grübeln.

Familienbesuche

Besonders schön ist es für uns, von Shruti, Anna & Johannas Mentorin, zu ihr nach Hause eingeladen zu werden. Ein winziges Dorf, abgelegen von allem. Hier werden wir von Shruits Mutter herrlich bekocht, dürfen ein traditionelles indisches Haus ansehen uns die ländliche Atmosphäre in uns aufnehmen. Gestärkt mit köstlichem Sweet-Bread, Roti und Pallia machen wir uns auf in ein weiteres kleines Dorf, gemeinsam mit einem der Mädchen aus dem Hostel.

Lea (135) jo (294)

Shruti’s Mutter macht Sweet-Bread & ein indisches Wohnzimmer

Es ist der Ort aus dem die 11-jährige Bhavana* stammt. Ein Lehmhäuschen reiht sich ans andere. Das Mädchen lebt seit 4 Monaten im Hostel und hatte seit dem keinen Kontakt zu ihrer Familie. Sie wuchs bei ihrer Großmutter auf, da beide Eltern gestorben sind, als sie 5 war. Tante und Onkel, sowie deren 2 Töchter wohnen ebenfalls in dem 2-Zimmer Haus.

Ein Wiedersehen nach 4 Monaten…Wie wohl ein Wiedersehen mit euch allen nach 4 Monaten wäre…Herzliche Umarmungen und unendliche Freude!

Hier, in dem kleinen Hüttchen irgendwo in Indien kommt ein Mädchen nach 4 Monaten nach Hause und niemand reagiert. Die Großmutter und die Cousinen sagen ihr nicht Hallo, fragen mit keinem Wort, wie es ihr ergangen ist. Bhavana sitzt völlig verschüchtert in einer Ecke, ihre Körperhaltung zeigt, wie unwohl sie sich fühlt.

Die Cousinen gehen nicht in die Schule, sie arbeiten für 60 Rupien am Tag (etwas weniger als 1€) in einer nahe gelegenen Ziegelfabrik. Die Großmutter brauchte das Geld um die kleine Hütte zu errichten. Jetzt sind die Mädchen schon so ans Arbeiten gewöhnt, dass sie selbst nicht zur Schule gehen wollen. Ihre Chance auf Bildung…verspielt. Sie sind über 14 und damit herrscht für sie keine Schulpflicht mehr.

Das Leben wirkt so ärmlich hier, trotzdem steht im Eingangs/ Schlaf und Esszimmer ein Fernseher. Anstelle dessen, die Enkeltöchter in die Schule zu schicken, kaufte die Großmutter diesen, um sich tagsüber beschäftigen zu können. Für uns völlig unverständlich, für die Menschen hier völlig nachvollziehbar.

Lea (147) jo (360)

Frau vor Fernseher                                             “Familien”Foto

Wir alle sind froh der Atmosphäre des Hauses wieder entfliehen zu können. Für Bhavana erfolgt kein Abschied von ihrer Familie. Ein Nicken höchstens.

Manchmal ist die indische Kultur, von der wir in den vergangen Monaten so viel kennen lernen durften uns nah und nachvollziehbar. In dem Lehmhäuschen auf dem Land verschließt sie sich gänzlich vor uns, ist für uns unverständlich und erschreckend.

Schulbesuch & Hosteltag

Am Sonntag dürfen wir dann richtig Hostel-Atmosphäre schnuppern und verbringen den ganzen Tag mit den Kindern, pflücken Chikkus, gestalten eine Drawing-Class und tauchen ein in den Alltag der Mädchen.

Am darauf folgenden Tag begleiten wir die die Grundschüler (das bedeutet in Indien die erste bis siebte Klasse) in ihre Schule. Beim Morgenappell stehen die Kinder in geordneten Reihen, singen die Hymne Karnatakas und Indiens, schwören ihrem Land die Treue.

Wir dürfen die Methode des sogenannte „activity-based-learning“ kennenlernen. Ein Lernsystem für die 1.-3. Klasse. Die Methode erinnert an Montessori, die Kinder lernen selbstständig, der Lehrer ist da um Fragen zu beantworten, hält sich ansonsten aber weit gehend zurück. Erarbeitetes hängt an den Wänden, alles wirkt sehr kreativ. Jedes Kind hat eine Tafel an der Wand, die Aufgaben sind in Fächern geordnet und die Kinder erarbeiten sie, jedes in seinem Tempo. Ein sehr innovatives Lernsystem, das uns begeistert.

Nach diesen 3 Jahren Unterricht ändert sich das Lernsystem für die Kinder schlagartig auf Frontal-Unterricht.

Damit ihr euch einen Eindruck von dem Appell machen könnt, hier ein kleines Video:
http://www.youtube.com/watch?v=9h10pKGL4y0&feature=youtu.be


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“Activity-based learning”                       "Dorfschulen/ Dorfleben”

Nach dem Schulbesuch spazieren wir zurück ins Hostel, genießen unsere „Viersamkeit“ und die Ruhe im Hostel, bevor die 43 Kinder wieder aus der Schule kommen und laute „hiiii Kanakaaaa!“ Rufe zu hören sind.

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Für uns war es unendlich interessant Vikasana zu besuchen, haben wir jetzt doch gesehen, wie ein Hostel funktionieren kann. All das Gesehene können wir nun hier diskutieren und einiges davon vielleicht auch in unserem Children’s Home anbringen.

Wir haben die Tage in dieser ganz anderen Welt sehr genossen! Das Eintauchen in das Projekt, 40 neue wundervolle Kinder, aufgeschlossene Mentorinnen, Landluft und Natur!

as Indians say: Love and best wishes to all of you!

Octavia

Dear Shruti, Mamatha, Anni &Jo!                                                      
Thank you so much for the wonderful days we were allowed to spend with you! Thank you Shruti for introducing us to your family and thank you for letting us become a part of the “Vikasana-family” for 5 days. We enjoyed it so much!

Eindrücke unseres interproject-visits:

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Annas 22. Geburtstag “Hoch soll sie leben!”


Lea (270)

Abenddämmerung auf dem Hostel-Dach

jo (444)

eine stehengebliebene Rikscha mit 8 Insassen :-)

jo (521) jo (419) Lea (269) jo (636)

Donnerstag, 5. Januar 2012

Kinderschicksale, Weihnachtszeit, Veränderung

Kinderschicksale

In den Wochen vor Weihnachten haben wir Steckbriefe erstellt, für die 43 Kinder im Children’s Home. Paten sollen durch die Steckbriefe für die einzelnen Kinder gefunden werden. Wir haben die Lebensgeschichten der Kinder dokumentiert, etwas über ihre Talente und ihr Sozialverhalten geschrieben und Fotos gemacht.
Die Kinder im Children’s Home sind ehemalige Kinderarbeiter, haben auf Kokosnussplantagen gearbeitet, auf Mülldeponien oder als Haushaltshilfen in fremden Familien. Viele von ihnen haben ihre Eltern durch schlimme Krankheiten verloren, oder wurden von der Familie verstoßen, von ihren Eltern auf der Straße oder während eines Festes zurück gelassen. Einige Kinder haben auf der Straße gelebt und gebettelt, manche waren drogenabhängig.
Die Fülle der Geschichten konnte man kaum fassen, unter Zeitdruck haben wir sie aufgeschrieben, sollten schließlich bis Weihnachten fertig werden.
Lakshmi, Divya und Pushba haben zugesehen, wie ihr Vater die Mutter mit einem Stein erschlug, ihr Bruder anschließend die Leiche der Mutter versteckte. Der jüngste Bruder wurde von dem Vater verkauft, die Mädchen lebten von nun an auf der Straße. Zuvor hatten sie in Zelten gelebt, die sie aus Abfall zusammen flickten, neben der Mülldeponie, auf der sie arbeiteten. Sie waren abhängig von Kleber und anderen Drogen, Divya wurde auf der Straße vergewaltigt.
Die Mutter von Shalini und Krishnama wollte gemeinsam mit den Mädchen Selbstmord begehen, nachdem sie erfuhr, dass sie HIV-positiv ist. Der Vater der beiden hatte ihr zuvor gestanden mehrere Affären gehabt zu haben, bevor er sie schließlich verließ.
Yogini arbeitet als Haushaltshilfe bei einem Verbrecher, in mehreren Staaten Indiens wurde er gesucht. Er wollte Yogini heiraten, wie er sich die ältere Haushaltshilfe auch schon zur Frau genommen hatte, ebenso wie deren Tochter.
Bhavia wurde von ihren Eltern an eine muslimische Familie verkauft und arbeitete dort als Haushaltshilfe. Wurde von der Familie misshandelt, ihre Arme überschütteten sie mit kochendem Wasser, wenn sie nicht arbeiten wollte.
Parveen verlor ihre Mutter und später ihre Stiefmutter. Von der neuen Frau ihres Vaters wurde sie zur Prostitution gezwungen. Sie hat zweimal versucht Selbstmord zu begehen, einmal davon im Children’s Home.
Wir kennen die Mädchen inzwischen sehr gut, kennen ihr Lachen und ihre flehenden Augen, ihre Eigenarten und ihre Talente. Man mag die Geschichten kaum glauben, sieht man die quirligen Mädchen spielen. Ein und halb Stunden etwa saßen wir mit Jeshry, der Foster-Mutter, vor den Akten der Kinder. Haben bei jedem dieser Treffen sechs Geschichten durchgesprochen, schreckliche Schicksale aneinandergereiht. Sie anschließend aufgeschrieben und mit Hilda, der Direktorin, durchgesprochen. Eigentlich konnte man dabei bloß auf das Englisch achten…

(Anmerkung:Die Namen der Kinder wurden in dem Bericht geändert.)



In einer anderen Welt

Nachdem wir die Steckbriefe fertig hatten, ging es am nächsten Tag nach Goa! Mit den Freiwilligen aus Karwar und Terikere haben wir uns dort getroffen und konnten in Goa endlich einmal wieder etwas Freiheit kosten. Eine Woche richtig Urlaub! Gut tat das, nach der letzten Zeit, die emotional doch ganz schön schwierig war. Goa unterscheidet sich von den anderen Bundesstaaten Indiens völlig. Im Bikini kann man am Strand liegen und abends feiern gehen. Überall gibt es kaltes Bier, an den Bars am Strand ertönt Techno. An Weihnachten am Strand zu tanzen hat schon etwas, behängt mit Christbaumkugeln und dem leckeren indischen „Weihnachtsessen“ im Magen! Das Essen genossen wir hier in Goa ohnehin sehr, Essen von überall her und das so günstig… Ja, sogar eine deutsche Bäckerei gab es dort! Kaum zu glauben, dass wir überhaupt noch in Indien waren. Hier konnte man Leute treffen von überall her und interessante Gespräche führen, einmal völlig abschalten von allem. Und die ganzen indischen Schätze die man hier kaufen kann! Wie soll man die bloß alle nach Deutschland transportieren? Bettlaken mit indischen Mustern, Taschen, bunte Kleidung, Wandbehänge, Elephantenketten, Tücher und Schmuck, von dem man natürlich an jedem Stand erzählt bekommt, dass er aus echtem Silber sei. Im Handeln konnten wir uns hier jedenfalls gut üben... Doch die Kinder, die uns an den Ständen zu beraten versuchten und das arme heruntergekommenen Viertel kurz vor der Strandpromenade erinnerten uns doch wieder daran, dass auch in Goa nicht so paradiesisch ist, wie es den Anschein macht.






Wieder zurück im Projekt erwarteten uns ganz viele kleine neue Mitbewohner! Es soll ein neues Projekt geben hier, ein Waisenhaus für drogenabhängige Straßenkinder. Die Kinder wurden schon hergebracht, doch fertig wird deren neues zu Hause wohl erst in einem Monat gebaut sein. Aber in Indien „no problem!“, leben die zwanzig Kinder eben solange hier im Bürogebäude und schlafen in dem Computerraum. In dem Gang, auf welchem wir unser Zimmer haben. Jetzt bekommen wir hier doch noch etwas Hostel-Leben mit, wenn die lieben Kleinen an die Türe klopfen und basteln oder singen wollen.

Mit Entsetzen haben wir in den ersten Tagen die Stöcke wahrgenommen, mit denen die Betreuerinnen Kinder schlugen. Saßen mit den Kindern friedlich auf dem Boden und haben gemalt, während sie um uns herum liefen mit gehobenem Stock, den Kindern drohten, wenn sie ihr Blatt Papier nicht ganz voll malten, bevor sie nach einem neuen fragten. Schreie ertönten ständig durch das Haus. Mit Hilda, der Direktorin von Prajna, haben wir darüber gesprochen, die unsere Meinung zu den Umgangsformen der Betreuerinnen von Anfang an teilte und mit ihnen darüber sprach. Hoffentlich wird sich von nun an etwas ändern. Dass Kinder in Indien geschlagen werden, war uns bewusst, auch im Short-Stay-Home schlugen die Frauen ihre Kinder manchmal. Doch dieses Ausmaß hier, das permanente Drohen mit dem Stock und die ständigen Schreie, überragten jegliche Vorstellungskraft, wie eine Herde Tiere wurden die Kinder mit dem Stock durch den Raum getrieben!

Am Sonntag waren wir seit langem einmal wieder im Children’s Home! Haben mit den Kindern Fotorahmen gebastelt und sie mit gefärbtem Sand und Muscheln verziert. Außerdem haben wir Steckbriefe erstellt, mit den Kindern im Grundschulalter um sie nach Deutschland zu schicken. Haben sie ihre Hobbys aufschreiben lassen und sie etwas erzählen lassen über Dinge, die sie mögen. Selbst aufgeschrieben haben sie die Steckbriefe, was sich doch als etwas schwieriger herausstellte, als wir dachten. Kennen die Kinder die englischen Worte zwar und können etwas sprechen, doch sie dann auch zu schreiben, das war für sie nicht immer einfach. Auch Menschenketten haben wir gebastelt, die Kinder sollten sich selbst malen. Im Salwar, natürlich! Die Menschenketten und die Steckbriefe haben wir eben zur Post gebracht, was wie immer abenteuerlich war... An meine alte Grundschule, die Dilsbachschule in Spachbrücken, habe ich sie geschickt. Sie ist Teil meines Förderkreises und unterstützt meinen Aufenthalt hier in Indien. Ich bin gespannt, wann die indische Post in Spachbrücken eintrifft!




Viel gesehen, viel erlebt und morgen geht es weiter nach Terikere, zu der NGO Vikasana! Lange freuen wir uns schon auf den Inter-Projekt-Visit dort! Haben Anna und Johanna uns doch schon oft vorgeschwärmt von ihrem Leben zwischen Plantagen und Feldern und auch Reshma, unsere Mentorin, hat uns gerade eben wieder an die wunderschönen Kaffee-Plantagen erinnert, die dort auf uns warten!

Wir sind gespannt!
Grüße von unserem kleinen Balkon
Lea

Donnerstag, 1. Dezember 2011

Von Erlebnissen & Erkenntnissen...

Übernachten bei „unseren Kindern“

50 Mädchen leben in Marnamikatta, an den Bahngleisen Mangalores, in der „Fit Institution for Girls“. Für 53 Menschen sind die 6 Zimmer in unseren Augen doch etwas zu klein. Trotzdem scheinen die Kinder sich wohl zu fühlen- sie kennen es ja auch nicht anders.
Am Abend des 12. Novembers kommen noch einmal 40 Kinder aus dem Foster-Home hinzu. Die Kinder sind aufgeregt, denn morgen wird für sie der Children’s Day ausgerichtet, aber nicht von irgendwem, sondern von Infosys, der größten indischen Softwarefirma.

Inmitten der 90 Kinder sitzen Lea und ich und sind ein bisschen überwältigt von der Masse Mensch, aber es ist auch schön zu sehen, wie die Kinder sich freuen sich wiederzusehen und wie unsere Mädchen 20 mal „Here weg o with the big fat pony“, oder „Clowny“ spielen wollen, nur um den anderen zu zeigen, was für fabelhafte Spiele sie spielen.


Wir übernachten zum ersten Mal im Children’s Home, zum Entsetzen einiger PRAJNA Mitarbeiten („You can’t sleep there! They have no beds, you know?“).

Die meisten Kinder gehen früh ins Bett, aber 6 von ihnen sitzen mit uns in einem winzigen Raum.
Wir pusten Seifenblasen und packen die Ahoi-Brause aus und die Mädchen und wir sind wie los gelöst von unserem Alltag. Wir lachen und albern herum, es fühlt sich an, als würde man einen Abend mit Freunden verbringen. Neue Mehendis dürfen natürlich auch nicht fehlen an diesem Abend! Und nachdem wir noch einen Kannada-Song gelernt haben und unendlich viele Siefenblasen zerstört haben und so viel gelacht haben wie schon lange nicht mehr schlafen wir auf unserer Bast-Matte ein.



Nach einer kurzen, aber erstaunlich erholsamen Nacht stehen wir um 5.30 auf- keines der Kinder schläft um diese Zeit mehr- und machen uns fertig für unsere „Reise“ zu infosys. Natürlich werden wir von den Mädchen erst mal frisiert und gepudert, uns werden Ohrringe geliehen und Bindis ins Gesicht gezaubert.




Children’s day at Infosys

Die Mädchen sehen wunderschön glitzernd aus, alle in ihren „fancy-color-dresses“ und so machen wir uns auf in einem Bus, der theoretisch wahrscheinlich für halb so viele Menschen gedacht war.
Bei Infosys muss unser Bus erst mal durch ein riesiges Tor und dann fahren wir nochmal 5 Minuten durch das riesige Gelände. Merkwürdig ordentlich ist es hier, mit Gehwegen und geteerten Straßen und gemähtem Gras.

Der Children’s Day findet in der Mensa von Infosys statt. 2000 Kinder wurden dazu eingeladen- ¾ von ihnen sind Kinder von PRAJNA Projekten. Nach einem typisch indischen Frühstück, werden die Kinder ihren Altersgruppen nach geordnet und nehmen in endlosen Reihen vor der Bühne Platz. 200 Infosys-Mitarbeiter helfen an diesem Tag freiwillig mit und kümmern sich um die Kinder.


Nach der indischen Eröffnungszeremonie findet erst ein Gesangswettbewerb statt, an dem auch unsere Kinder teilnehmen sollten. Was wir jedoch nicht wussten war, dass jedes Hostel nur 2 Lieder vortragen darf und höchstens 8 Kinder auf die Bühne dürfen und, dass der Wettbewerb nur für Lieder auf Kannada gedacht ist. Da diese Informationen uns fehlten, hatten wir 3 Lieder auf Englisch mit zum Teil wesentlich mehr als 8 Kindern einstudiert…

Nach langem hin und her und blank liegenden Nerven dürfen unsere Mädchen dann doch singen und wir sing von Stolz erfüllt, als „I am sailing“ und „The lion sleeps tonight“ durch die große Halle tönen.


Auf den Gesangswettbewerb folgt- nach dem herrlichen Essen- ein Tanzwettbewerb, bei dem Lea und Ich „judges“ sind. Irgendwie hat man das Gefühl, jedes indische Kind hat Musik im Blut und man könnte stundenlang einfach nur da sitzen und die bunten Kostüme, die strahlenden Gesichter, die Tanzschritte und die Musik bestaunen.

Dem Tanzwettbewerb folgen Spiele- in der ganzen Halle sind Stände aufgebaut, wo die Kinder Dosenwerfen, Dart , „Doktor Bibber“ und endlose weitere Spiele spielen können. Die ganze Veranstaltung ist mehr oder weniger unindisch...zwar sind die Menschen Inder, aber alles andere ist doch sehr amerikanisch.

Wir fragen uns, wie es für die Kinder wohl ist, aus einer Welt zu kommen, in der sie nichts besitzen und dann für einen Tag in diesen Überschuss gefahren zu werden...Toiletten aus Marmor, auf Hochglanz polierte Räume, westlich aussehende Inder in Jeans und T-Shirt...
Ob sie so noch mehr wahrnehmen, dass sie nicht haben, oder ob sie es schön finden, diesen Reichtum zu sehen? Vielleicht reflektieren sie es gar nicht, aber manche von ihnen mögen an diesem Tag mit ihrem Leben gehadert haben.

Zum Schluss gibt es noch eine große Preisverleihung und die Mädchen, die den Tanzwettbewerb gewonnen haben kommen voller Begeisterung auf uns zu und bedanken sich strahlend.

Das Schrei-Konzert im Bus überleben wir dann auch und nachdem wir noch 4 Dankesbriefe an Infosys geschrieben haben sind wir völlig dankbar im Zug in Richtung Coimbatore sitzen zu dürfen und vergleichsweise Stille um uns zu haben.

Midtermworkshop im KKID- Wiedersehen unserer geliebten Mit-Freiwilligen

Morgens um 6.30 erreichen wir Coimbatore. Im KKID angelangt ist nicht viel Zeit zu verschnaufen, denn wir wollen ja unsere ganzen Freunde, an die wir in den vergangenen Monaten so oft gedacht haben, wiedersehen!

Erst mal sehen wir allerdings „nur“ Freiwillige anderer Organisationen die ebenfalls zum Workshop eingeladen wurden. Das ist zwar nett, aber wir brennen doch darauf, die KKS-Freiwilligen zu sehen und kaum haben wir sie getroffen, wir geredet geredet geredet. Es tut gut, sich mit Menschen austauschen zu können, die ähnliches erleben und die einen verstehen.

Das Programm im KKID wird somit eher zur Nebensache, denn das wichtigste ist wohl für uns alle uns auszutauschen über all das, was wir bis jetzt gesehen haben- Erschreckendes, Schönes, Wunderliches und allerhand Merkwürdiges. Selten haben wir Menschen eigentlich so wenig gekannt und trotzdem so eine tiefe Verbundenheit zu ihnen gespürt.

Es ist auch interessant von den Freiwilligen der anderen Organisationen zu hören, deren weltwärts-Einsatz so völlig anders ist als der unsere.

Gemeinsam besuchen wir, wie auch schon beim ersten Seminar, ein kleines Dorf in dem Bergen und haben eine „Interaktion“ mit den Dorfbewohnern, machen Mittagspause unter einen riesigen Baum und wir „Städter“ genießen es mal wieder Ruhe und Natur um uns zu haben.


Die Tage sind geprägt von Austausch und fliegen nur so dahin. Das erste Mal, richtig Durchatmen und reflektieren nach 2 Monaten…uns fällt auf, dass wir uns in den vergangenen Wochen doch ein bisschen übernommen haben und auch wenn wir es sehr genossen haben zu endlosen Hochzeiten und Feiern zu gehen und Zeit mit den Kindern zu verbringen, Englisch-Nachhilfe zu geben, Flyer zu erstellen, Briefe zu schrieben und zu korrigieren, so war es doch ein bisschen viel.

Mit dieser Erkenntnis fahren wir zurück nach Mangalore wo wir versuchen wollen, unsere Wochen im chaotischen Indien ein bisschen mehr zu strukturieren und uns bewusst mehr Zeit zu nehmen um zu reflektieren.
…wir sind gespannt wie uns das gelingt…

Wir senden euch Wärme ins kalte Deutschland!


Octavia

Freitag, 11. November 2011

Eindrücke über Eindrücke!

Wir begleiteten die Sozialarbeiterinnen der Selbsthilfegruppen nach Karwar. Nach einer zehnstündigen Busfahrt dauerte das Treffen am Zielort schließlich etwa zwei Stunden. Doch der Tag war großartig, die Fahrt durch den Dschungel ein Erlebnis!

Wir haben Affen, Reisfelder und urige Dörfer gesehen. Wir tanzten mit den Frauen zu „Hare Krishna Hare Ram“ in dem Mittelgang des schaukelnden Busses, bei jedem Schlagloch brachen wir lachend zusammen, die Sitzenden klatschen. Die Inderinnen summten indische Lieder und wir hörten ihnen gerne dabei zu. Um sechs Uhr hielten wir plötzlich, die Sonne ging gerade auf. Schnell stiegen wir aus dem Bus aus und standen vor einem riesigen Tempel am Strand Murudeshwars. Es ertönte der Gong zur Pooja, Divya nahm unsere Hand, lachte uns ins Gesicht und deutet uns an dass wir ihr folgen sollten.


Wir liefen durch den Eingang, an den steinernen Elefanten vorbei und rannten die Treppenstufen hinauf. Die Statue Shivas thront auf dem Hügel, plötzlich nahmen wir sie wahr. Unwirklich erschien uns die gewaltige Gestalt des Gottes, wir staunten, waren tief fasziniert, von der Größe der Statue geblendet. Starrten gebannt auf den Gott im Lotussitz. Der Augenblick dauerte nicht lange, die Inderin betete hektisch, wir liefen den Hügel hinunter, am Fuße des Hügels ruhte Nandi, das Reittier Shivas. Wir rannten zum Strand, sahen den Inderinnen zu wie sie mit ihren bunten Gewändern in den reißenden Wellen standen.

Wir haben begonnen im Short Stay Home zu arbeiten, bis zu drei Jahren können misshandelte Frauen hier leben. Das Short Stay Home ist leer und trist, die Frauen sitzen auf dem Boden, starren an die Wand und schweigen. Ab und zu schreit ein Kind. Sie sprechen bloß Kannada, verständigen können wir uns kaum mit ihnen. Die Frauen sind völlig leer, die wenigsten von ihnen können einfache Blumen zeichnen. Der Arm der einen Frau ist verbrannt, sie kann ihren Saree nicht richtig tragen, der Stoff würde wohl mit der sich zurück bildenden Haut verwachsen.
Wir werden mit den Frauen einmal die Woche basteln, damit sie sich etwas beschäftigen können. Wir haben Karten mit ihnen bestickt. Traurig und erschrocken realisierten wir am späteren Abend wo wir den Tag über gewesen sind und brauchten lange um uns über das Gesehene bewusst zu werden. Hilda erzählte uns die Geschichten einiger Frauen, erzählte uns, dass viele Frauen das Haus nicht verlassen dürfen. Wir sind schockiert, schwer fällt es uns all die Schicksale zu begreifen. Gleichzeitig möchten wir mehr über die Frauen erfahren, das Short Stay Home kennen und verstehen lernen. Die Gespräche mit Hilda sind sehr emotional, wir können mit ihr diskutieren und gemeinsam weinen. Zusammen lachen können wir ohnehin sehr viel.
Auch ihre eigene Lebensgeschichte hat sie uns erzählt. Hilda stammt selbst aus sehr armen Verhältnissen, ihre Eltern und sie selbst wurden lange Zeit diskriminiert, diskriminiert weil sie den Armen und Kranken helfen wollten, wegen ihrer Herkunft, ihrer Familie und ihrer Religion. Wir sind sehr berührt von ihren Erzählungen.

Als wir in derselben Woche zu einer Hochzeit der „Super-Rich-People“ eingeladen wurden, waren wir erschüttert. Die Menschen feierten wie in Amerika, trugen kurze Cocktailkleider, hörten westliche Musik und tanzten im Paartanz. In Gedanken noch im Short Stay Home ist diese Partygesellschaft kaum zu ertragen. Die Gäste wurden uns als Doktoren vorgestellt und erzählen von ihrem neuen BMW und dem bestellten Porsche, ihre Kinder spielten mit iPhones. Die geladenen Gäste studierten in Dubai oder in Amerika. Die Gegensätze zwischen den gesellschaftlichen Klassen hier in Indien sind pervers!
Das Horoskop steht gerade gut, im Moment heiraten viele Menschen, so wurden wir gleich zu zwei hinduistischen Hochzeiten eingeladen!
Freunde von Hilda begleiten uns auf eine Hochzeit von Verwandten. Das Brautpaar saß auf einer aufwendig geschmückten Bühne, Braut und Bräutigam waren wahnsinnig schön gekleidet! Die Zeremonie war sehr eindrucksvoll, auch wenn die zahlreichen Fotographen und Kameramänner die Sicht auf das Brautpaar völlig blockierten. Es waren mehrere hundert Gäste geladen, jeder von ihnen wurde uns als Schwester oder Cousin vorgestellt. In Indien sind alle Menschen Cousins! Selten hatten wir so gutes Essen gegessen, auch wenn das Mahl etwa zehn Minuten dauert, die nächsten Gäste standen schon wartend hinter den Stühlen. Auch auf der Hochzeit einer Sozialarbeiterin von PRAJNA waren wir eingeladen. Das ganze Personal der Organisation besuchte die Hochzeit, obwohl es dabei vordergründig um das Essen und das Foto ging und wir nach einer halben Stunde wieder mit den Frauen zurück fuhren.

In der letzten Woche haben wir an einer Broschüre über das Projekt der Karl-Kübel-Stiftung bei PRAJNA gearbeitet. Das Projekt bietet Programme für Frauen und Kinder in den Dörfern rund um Mangalore an. Es gibt „Child-Right-Clubs“ an Schulen und Kinderparlamente in den Dörfern, an wechselnden Orten werden Gesundheitscamps veranstaltet und es gibt verschiedene Aufklärungsprojekte. In Selbsthilfegruppen können Frauen lernen sich eine eigene ökonomische Grundlage aufzubauen. Sie verwalten ihre Ersparnisse und entscheiden gemeinsam über Ausgaben. Außerdem gibt es kulturelle Programme zur Stärkung des Selbstbewusstseins. Wir besuchten die cultural competitions in zwei unterschiedlichen Dörfern. Es war schön die singenden und tanzenden Frauen aus den Selbsthilfegruppen auf der Bühne stehen zu sehen! Wir haben gemeinsam mit den Frauen Spiele gespielt, getanzt und schließlich selbst standen wir selbst auf der Bühne und haben ein Lied vorgetragen. Wir verbrachten zwei sehr schöne Nachmittage mit den Frauen und bekamen weitere Einblicke in die Arbeit der Selbsthilfegruppen.





Mit den Kindern haben wir an den letzten Sonntagen viel gebastelt und gespielt, außerdem haben wir angefangen mit ihnen zu musizieren. Wir singen Lieder mit der Gitarre und es ist schön zu sehen wie viel Spaß die Mädchen an „The lion sleeps tonight“ , „I am sailing“ oder Liedern von Cat Stevens haben. Am Childrens Day werden wir die einstudierte Lieder mit den Mädchen vortragen, wir sind gespannt ob sie vor großem Publikum genauso laut und entschlossen mitsingen wie an unseren gemeinsamen Sonntagen.




In den letzten Wochen bekamen wir hier einiges zu sehen, hatten schöne aber auch traurige Einblicke. Mit den Frauen hier bei PRAJNA können wir viel diskutieren, wir erfahren einiges über die indische Gesellschaft und die Politik hier. Vor allem über die BJP, die hindunationalistische Partei, welche hier in dem Bundesstaat Karnataka regiert haben wir inzwischen einiges mitbekommen. Die Parallelen zur Ideologie der Nazionalsozialisten ist erschreckend.
Wir erfreuen uns in der letzten Zeit an vielen sehr unterschiedlichen Einblicken in die Kultur, an zahlreichen Veranstaltungen, an politischen Diskussionen, an unserer sehr abwechslungsreichen Arbeit, an Herausforderungen und Erfolgen und an dem traumhaften Strand Mangalores, wenn wir dem aufregenden Geschehen in der NGO und der hektischen Innenstadt einmal für zwei ruhige Stunden entkommen können…

Lea

Freitag, 14. Oktober 2011

Lea und Octavia außnahmsweise in Mysore :-)

„You want to go to Mysore for Dasara?“ “Yes of course!” “Okay, no problem, we’ll arrange!” Und weil hier sowieso alles “No problem” ist, sitzen wir einige Wochen später in einem Bus mit offenen Fenstern und offenen Türen der uns auf einer 9-stündigen Fahrt nach Mysore befördert.

Mysore ist eine Stadt im Süden Karnatakas die besonders bekannt ist wegen ihres Palastes und wegen dem Dasara-Festival- ein 9 tägiges Festival zu ehren der Göttin Durga. Die Durchschnittgeschwindigkeit unsere Fahrt beträgt wohl so etwa 25 km/h und die Fahrt wird zum fröhlichen „Schlagloch-Schaukeln“. Nichtsdestotrotz ist es eine wunderschöne Strecke und so fährt der Bus vorbei an Bananen-Plantages, Reisfeldern und durch einen nicht enden wollenden Dschungel. Wir halten in kleinen Dörfern und Bergstädtchen, haben atemberaubende Aussicht über die Berge und es ist wohl das erste Mal, dass wir eine so lange Busfahrt genießen!

Mit 2 Stunden Verspätung erreichen wir Mysore und sind erst mal ziemlich überfordert. Den Pfarrer anrufen bei dem wir übernachten sollen („sofort wenn ihr da seid!“) Dummerweise haben unsere indischen Handys wohl keine Lust mit dem Pfarrer zu kommunizieren und so ertönt am anderen Ende der Leitung fröhliche indische Musik…irgendwann klappt es dann doch und wir drücken einem nahestehendem Polizisten das Handy in die Hand damit er erklären kann wo wir uns befinden.
Völlig erschöpft werden wir mit dem Jeep in unsere Bleibe gebracht und bekommen zu unserem Erstaunen Essen, dass dem deutschen erstaunlich ähnlich sieht… da endet der Vergleich aber auch, denn es schmeckt werden deutsch noch indisch…irgendwie undefinierbar und nach Ketchup. Die Pfarrer sind dafür unheimlich nett und erzählen uns aus ihrem Leben. Der ältere Pfarrer ist ein entfernter Verwandter unsere Direktorin Miss Hilda (d.h. er kommt aus dem gleiche Dorf, somit wird eine Verwandtschaft irgendwie vorausgesetzt) und ein sehr herzlicher Mensch der die letzten 5 Jahre in Chicago verbracht hat. Nachdem wir zum ersten Mal indisch geduscht haben (ein Eimer Wasser und ein Litermaß stehen zur Verfügung) fallen wir in die Betten.
Am nächsten Morgen machen wir die Bekanntschaft von Priyanka, einer 21-jährigen Wirtschaftswissenschaften-Studentin aus Mysore, die der Pfarrer aus der Kirche kennt. Sie verbringt den Tag mit uns und wir machen eine Mammut-Sightseeing-Bustour. Das bedeutet wir sind eine Art Reisegruppe die 12 Stunden lang durch die Stadt gefahren wird und immer wieder aus dem Bus gescheucht wird um Sehenswürdigkeiten zu besichtigen. Ein bisschen geschockt sind wir, als der Busfahrer von jedem 100 Rupees einsammelt, von uns aber 450 Rupees verlangt- „ihr seid Weiße, ihr müsst überall mehr Eintritt zahlen.“ – nehmen diese Absonderlichkeit aber hin und so fahren wir mit unserer lustigen Gesellschaft durch die Stadt. Wir besichtigen einen kleinen Palast, der zu einer Kunst-Galerie umgewandelt wurde, gehen in den Zoo, fahren den Berg hinauf zu einem wunderschönen Tempel der umsäumt ist von endlosen Verkaufsständen und Attraktionen. Mysore ist bekannt für Sandelholz-Produkte und so kann man überall kleine Schachteln, Cremes und Spielzeug aus selbigem erwerben.




Mit unserer weißen Haut fallen wir inmitten der Inder doch sehr auf und die Verkäufer wollen uns das ein ums andere Mal übers Ohr hauen. Lea handelt jedoch so fabelhaft, dass wir vor dem Palast mit 2 neuen Schachteln stehen die wir zu einem Spottpreis erworben haben.
Lea beim Handeln :-)

Fasziniert von ihren Fähigkeiten und stolz betreten wir den Palast und sind begeistert! Der Palast von Mysore sieht aus als sei er direkt tausendundeiner Nacht entsprungen und ist so märchenhaft schön, dass man sich wie verzaubert fühlt! Menschenmassen drängen sich vorbei an den Stuckbesetzten Decken, den Glasfenstern in Pfauen-Optik und den wunderschönen Kacheln und Schnitzereien an den Wänden.
Als wir an einer Art Sandfeld vorbei kommen und fragen was das sei erklärt uns Priyanka, dass sich zu Ehren des Dasara-Festivals 2 Menschen so lange die Köpfe einschlagen bis Blut fließt, denn das sei ein Zeichen, dass ihre Gebete erhört werden… manchmal kann man in Indien eben nur den Kopf schütteln!
Am Abend fahren wir hinaus aus der Stadt an den größten Staudamm Karnatakas der einen Streit zwischen Tamil Nadu (dem nebenliegenden Bundesstaat) und Karnataka ausgelöst hat, da die „Karnatakaner“ das Wasser aus dem Fluss bei sich sammeln und so fast nichts mehr nach Tamil Nadu gelangt. An dem Staudamm finden sich die „Dancing Fountains“ eine Lichtershow mit Musik, die wir uns anschauen um dann noch ein bisschen entspannt im Park zu sitzen um mit Priyanka zu plaudern. Wir fragen sie nach der indischen Art seine Kinder zu verheiraten- die Eltern suchen den Mann für ihre Tochter aus- und sie sagt, dass sie das für die beste Art hält zu heiraten, weil eine junge Frau niemals reif genug sei um für sich selbst einen Ehemann herauszusuchen. Für uns ist das schwer zu verstehen aber sie kann unsere Art einen Lebenspartner zu finden ebenso wenig nachvollziehen.

Am nächsten Tag besehen wir uns die „big parade“ ,den Abschlussumzug des Dasara-Festivals. 3 Stunden vorher setzen wir uns an die Straße und warten. Um uns herum wird es immer voller- hinter uns sitzen unzählige in Burkas gekleidete Frauen und vor uns eine lustige indische Familie. Sofort werden wir gefragt wo wir herkommen, was wir machen, wie lange wir schon da sind, ob es uns gefällt, wo wir wohnen usw. Popcorn und Erdnüsse werden uns angeboten und immer wieder telefonieren die Burka-Damen mit ihren Handys, wobei immer wieder das Wort „Germans“ fällt  Als die Parade dann endlich anfängt wird uns von allen Seiten gesagt, was wir fotografieren sollen und das Ergebnis muss dann von allen begutachtet werden. Ihr könnt euch den Umzug ein bisschen wie einen riesigen Fastnachts-Umzug vorstellen- nur eben auf indisch… vorne weg laufen riesige, wunderschön bemalte Elefanten, gefolgt von bunt gekleideten Tänzern und riesigen Wägen, Musik, Kühe die große Wägen ziehen und immer wieder Tänzer. Wir kommen aus dem Stauen und fotografieren gar nicht mehr heraus. Der Umzug endet mit dem goldenen Thron aus dem Palast, der von einem Elefanten getragen wird was von allen Seiten mit Begeisterungs-Rufen quittiert wird.




Am nächsten Morgen brechen wir dann auch schon wieder auf und sind glücklich den richtigen Bus in einem sehr sehr chaotischen Busbahnhof zu finden! Es ist ein schönes Gefühl wir „nach Hause“ nach Mangalore zukommen in unsere sichere kleine Höhle und wir sind erfüllt von diesen 4 schönen Tagen in denen wir das große, weite Indien wieder ein bisschen besser kennengelernt haben.

Octavia

Mittwoch, 12. Oktober 2011

Kinder, Geschichten und Dasara


Nun sind wir schon einen Monat in Mangalore und wir haben uns sehr gut eingelebt!
Unsere Sonntage im Children's Home sind jedesmal sehr schön! Wir haben mit den Kindern Masken gebastelt und Haargummis genäht, mit Kartoffeldruck bunte Schilder für die einzelnen Räume gestaltet, jede Menge Spiele gespielt und einige englische Lieder mit ihnen gesungen! Wir haben uns verschiedene Projekte angesehen und beginnen langsam die Zusammenhänge der vielfältigen Projekte zu verstehen.
Unsere Hauptaufgabe hier besteht darin Flyer und Faltblätter über die unterschiedlichen Projekte zu gestalten.


Wir haben neben dem Flyer für ChildFundIndia (Kinderpatenschaften) ein Faltblatt über die Entstehungsgeschichte Prajnas und einen weiteren über ein HIV-Projekt erstellt. Wir haben hier sehr vieles zu tun, worüber wir uns sehr freuen! Auch wenn wir schon bis spät am Abend vor unseren Computern saßen um Texte zu verfassen.
Wir haben damit begonnen die Lebensgeschichten der Frauen zu dokumentieren.
Uns wurde die Geschichte eines muslimischen Mädchens erzählt, deren Ehemann glaubte sie sei vom Teufel besessen, weshalb sie dazu gezwungen wurde verschiedene Tabletten zu nehmen. Der Mann war vierzehn Jahre älter als sie, ihre Schwiegereltern haben sie psychisch misshandelt. Oft sehen muslimische Frauen ihren Ehemann während der Hochzeit zum ersten Mal. Wir waren bei einem Gespräch mit einem siebzehnjährigen Mädchen dabei, die von ihren Eltern verheiratet wurde. Das Mädchen hat die Schule abgebrochen, da die Eltern glaubten der Mann sei sehr gebildet und habe viel Geld. Später stellte sich heraus, dass er gelogen hatte.
Eine zweite junge Frau kam heute zu Prajna. Sie redet leise, starrt ins Leere, ihr Gesicht war geschwollen. Sie war Haushaltshilfe in einer fremden Familie in Mangalore. Für ihre eigene Familie habe sie das getan, sie brauchten dringend Geld. In dem Hause, in welchem sie die Hausarbeit verrichtete wurde sie sehr schlecht behandelt. Bekam schließlich nichts mehr zu essen und keine Seife um ihre Kleidung zu waschen. Sie wollte mit dem Zug wieder zurück zu ihrer Familie fahren. Auf der Zugfahrt wurde sie von drei fremden Männern misshandelt. Man fand sie bewusstlos im Zug und brachte sie in ein Krankenhaus. Jetzt lebt sie im Short Stay Home, die drei Männer wurden angezeigt. Zu ihrer Familie zurück kann sie nicht, sonst wird der Fall fallen gelassen. Ein und halb Jahre werden die Verhandlungen dauern.
Die Geschichten sind oft unvorstellbar, das Verständins für Heirat unbegreiflich. Fragt man eine junge Frau danach, ob sie sich ihren Ehemann nicht selbst aussuchen möchte, merkt man schnell, dass sie darüber noch niemals nachgedacht hat.



Letzte Woche wurde hier in Karnataka "Dasara" gefeiert. Die ganze Stadt leuchtet während des Tempelfestes in allen erdenklichen Farben. Der Tempel schimmert in goldenem Licht. Neun Götterstatuen stellen die verschiedenen Erscheinungsformen der Göttin "Durga" dar. Andächtig meditieren Hindus vor dem silbernen Gesicht Shivas. Eine Inderin tanzt, die Glocken an ihren Füßen erklingen als Rhythmen. Buntbemalt sind die nackten Oberkörper der jungen Inder, in blauer und grüner Farbe, mit tierischen Mustern.


Wir sind von Indien immer wieder beeindruckt und fasziniert. Gleichzeitig erstaunt und entsetzt. Nicht selten verwundert, über all die Gegensätze hier. Wir lieben die starken, aufgeklärten Frauen bei Prajna und können eine Menge von ihnen lernen.
Grüße ins kalte Deutschland! Hier wird es jeden Tag wärmer.
Lea